Die Bedeutung der Muttersprache für Migrantenkinder

Sprache ist ein Mittel, sein Wissen über die Welt auszudrücken und zur Verständigung mit anderen zu benutzen.

 

Die Muttersprache trägt kulturelles Wissen in sich, das heißt, dass sich mit ihrem Erwerb die geistigen und sozialen Fähigkeiten des Kindes ausprägen.

 

Wenn das Kind auf sprachliche Kompetenzen in der Muttersprache zurückgreifen kann, wird es auch die Voraussetzungen und Strategien für das Erlernen einer zweiten Sprache entwickeln.

 

Kinder, die eine Zweitsprache erlernen, tun dies immer aufgrund ihrer bisherigen sprachbezogenen Erfahrungen in der Muttersprache.

Sie dürfen die Entwicklung ihrer Muttersprache nicht hinter sich

lassen, sondern eine zweite Sprache muss hinzukommen.

 

Leben mit zwei Sprachen

Zweisprachige Umgebung bietet dem Kind die Chance, sich zu unterschiedlichen Kulturkreisen zugehörig zu fühlen, denn das Leben mit zwei Sprachen bedeutet auch das Leben mit zwei Kulturen, die in der Sprache Ausdruck finden.

 

Zweisprachigkeit kann aber nur dort die Identität des Kindes fördern, wo jede Sprache und Kultur in alltäglichen Situationen als wertvoll erfahren wird.

 

Für die meisten Kinder, die normal entwickelt sind, stellt Zweisprachigkeit kein Problem dar.

 

Wenn sie von Geburt an mit beiden Sprachen konfrontiert werden, können sie diese im allgemeinen fehler- und akzentfrei erlernen. Dies gelingt auch, wenn eine zweite Sprache bis zum Schuleintritt hinzukommt.

 

Verhalten in verschiedenen Familienkonstallationen

Die Stabilität der Sprache hängt vom Angebot gehörter Sprachen und vom praktischen Gebrauch der Sprache ab. Dabei ist natürlich die Konstellation in der Familie ausschlaggebend:

  1. Ist nur ein Elternteil nicht deutschsprachig, sollte jedes Elternteil nur in seiner Sprache mit dem Kind sprechen und in gleicher Situation die gleiche Sprache verwenden. Die Trennung der Sprache sollte für das Kind klar erkennbar sein.
  2. Sind beide Eltern nicht deutschsprachig, sollten sie unbedingt dafür sorgen, dass das Kind seine Muttersprache vollständig erlernt, Deutsch muss dann im Bildungs- und Freizeitbereich gefördert werden.
  3. Sind beide Eltern verschieden zweisprachig, sollten sie sich als Familiensprache auf die Sprache einigen, in der sich die Eltern am besten verständigen können (das muss nicht Deutsch sein). Diese Sprache sollte dem Kind dann zu Hause angeboten werden. Deutsch kommt als zweite Sprache im außerhäuslichen Bereich dazu.
  4. In besonders schwierigen Fällen müssen auch einmal individuelle Lösungen für die jeweilige Familiensituation gefunden werden, am besten gemeinsam mit sachkundigen Beratern, die die Situation der Familie und die Sprachproblematik einschätzen können.

 

Mögliche Schwierigkeiten

Es ist normal, dass bei zweisprachig aufwachsenden Kindern der Wortschatz in der jeweiligen Sprache geringer ist. Die Grammatik entwickelt sich aber normal.

 

Die Eltern sollten dafür sorgen, dass das Kind erlebt, dass es in beiden Sprachen handlungsfähig ist. Dann entwickelt sich eine hohe Motivation, die Sprachen zu lernen.

 

Unter ungünstigen Bedingungen des zweisprachigen Angebotes kann, trotz normaler Sprachentwicklungsanlage, z.B. bei besonders sensiblen Kindern auch eine Verzögerung der Sprachentwicklung auftreten.

 

Es können aber auch anlagebedingte Sprachentwicklungsstörungen auftreten.

 

Wenn die Sprachentwicklung nicht altersgerecht erscheint, sollte eine logopädische Beratung angestrebt werden.

Einsprachigkeit kann günstiger sein als Zweisprachigkeit, wenn eine Behinderung der allgemeinen Entwicklung vorliegt (z.B. Hörstörung, Störungen der geistigen Entwicklung). Bei einem solchen Verdacht wird den Eltern empfohlen, zur Entscheidung über ein- oder zweisprachige Erziehung einen Kinderarzt und eine Logopädin hinzuzuziehen.

 

Wo gibt es Beratung?

bei Logopädinnen/Logopäden in interkulturellen Beratungsprojekten oder in freier Praxis

 

  • im Bayouma – HausGesundheitsprojekt für MigrantInnen

    Frankfurter Allee 110

    10247 Berlin

    Tel.: 29049136, Fax: 2904129

     

  • in der Beratungsstelle für Hör- und SprachbehinderteBA Friedrichshain-Kreuzberg

    Koppenstr. 38-40, 10243 Berlin

    Tel.: 90298 2824, Fax: 90298 2060

     

  • in der Sprachberatungsstelle BAReinickendorf, Teichstr. 65. 13407 Berlin

    Tel.: 90294 – 5035

     

    Autorinnen:

    Katy Vorwieder, Bettina Kern-Gohs (Logopädinnen), Dr. Kerstin Maul (Ärztin f. HNO / Phoniatr. – Pädaudiologie), Beratungsstelle für Hör- und Sprachbehinderte Friedrichshain-Kreuzberg